Ob Sie überhaupt müssen, klärt der Artikel zur Pflicht nach dem BFSG. Hier geht es um das Danach: was konkret zu tun ist, in welcher Reihenfolge, und wie viel davon Sie selbst schaffen.
Die gute Nachricht steckt in einer Zahl. Sechs Fehlerarten machen laut WebAIM Million 96 Prozent aller automatisch feststellbaren Verstöße aus. Fünf davon behebt man an einem Tag. Die schlechte Nachricht: Was Werkzeuge nicht sehen, ist der Teil, der Nutzer wirklich aussperrt.
Kurz gesagt: Die BFSGV verlangt für Websites und Apps die vier Prinzipien wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robust. Übersetzt in Arbeit heißt das: ausreichende Kontraste, Alternativtexte für Bilder, beschriftete Formularfelder, vollständige Tastaturbedienbarkeit mit sichtbarem Fokus, korrekte Überschriftenhierarchie, Sprachangabe im HTML, verständliche Fehlermeldungen und funktionierende Standardelemente statt umgestylter div-Container.
Prüfen in drei Stufen: automatisiert, dann Tastaturtest ohne Maus, dann manuell mit Screenreader. Aufwand bei sauberem Code ein bis drei Tage, bei gewachsenen Seiten ein Projekt.
Was WCAG 2.2 ist und was daran neu ist
Die Web Content Accessibility Guidelines sind eine W3C-Empfehlung. Version 2.2 liegt in der Fassung vom 12. Dezember 2024 vor und bringt gegenüber 2.1 neun neue Erfolgskriterien mit, während das alte Kriterium 4.1.1 Parsing entfallen ist. Es gibt drei Konformitätsstufen: A, AA und AAA. In der Praxis ist AA der Maßstab.
Die neun neuen Kriterien lohnen einen Blick, weil sie erstaunlich alltäglich sind. Es geht um Fokus, der nicht von Sticky-Headern oder Cookie-Bannern verdeckt wird, um Mindestgrößen für Klickziele, um Alternativen zu Ziehbewegungen, um Hilfe, die auf jeder Seite an derselben Stelle steht, um Formulare, die nicht dieselbe Angabe zweimal verlangen, und um Anmeldungen, die kein Gedächtnisspiel sind. Wer in den letzten Jahren ein Cookie-Banner über den Tastaturfokus gelegt hat, ist hier gemeint.
Die sechs häufigen Fehler und wie man sie behebt
Alle sechs sind automatisiert auffindbar, alle sechs sind billig. Reihenfolge nach Häufigkeit in der WebAIM-Million-Untersuchung vom Februar 2026.
1. Zu geringer Textkontrast, 83,9 Prozent der Startseiten
Der Klassiker. Hellgrauer Text auf weißem Grund sieht in Entwürfen elegant aus und ist auf einem Handy in der Sonne unlesbar. WCAG verlangt in Stufe AA ein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5 zu 1 für normalen Text und 3 zu 1 für großen Text ab 18 Punkt beziehungsweise 14 Punkt fett. Die Behebung ist eine Änderung an zwei oder drei Farbwerten in Ihrem Design-System, nicht eine Änderung an 200 Seiten. Wenn sie doch 200 Änderungen ist, haben Sie ein anderes Problem: Ihre Seite hat kein Design-System.
2. Fehlende Alternativtexte, 53,1 Prozent
Ein Alternativtext beschreibt, was auf dem Bild passiert und warum es da ist. Nicht Dateiname, nicht Keyword-Salat. Dekorative Bilder bekommen ein leeres alt-Attribut, damit Screenreader sie überspringen, und das ist ausdrücklich richtig, kein Schlampigkeitsfehler. Wer beides verwechselt, produziert entweder Schweigen bei wichtigen Bildern oder Vorlesen von Zierlinien.
3. Unbeschriftete Formularfelder, 51,0 Prozent
Ein Platzhaltertext im Feld ist keine Beschriftung. Er verschwindet beim Tippen, ist meist zu kontrastarm und wird von Screenreadern unterschiedlich behandelt. Jedes Feld braucht ein verknüpftes label-Element. Das ist eine Zeile pro Feld und gleichzeitig eine der Änderungen mit der besten Wirkung auf Ihre Anfragen, weil beschriftete Formulare auch für Sehende schneller ausfüllbar sind. Mehr dazu in Conversion-Optimierung.
4. Leere Links, 46,3 Prozent, und 5. leere Buttons, 30,6 Prozent
Beide haben dieselbe Ursache: ein Icon ohne Textalternative. Das Lupensymbol, das Burger-Menü, die Social-Media-Kacheln im Footer. Ein Screenreader liest dort Link, Link, Link, Link. Die Behebung ist ein aria-label oder unsichtbarer Text im Element.
6. Fehlende Sprachangabe, 13,5 Prozent
Ohne lang-Attribut im html-Element weiß die Sprachausgabe nicht, in welcher Sprache sie vorlesen soll. Deutscher Text mit englischer Aussprache ist tatsächlich unverständlich, nicht nur unschön. Eine Zeile.
| Maßnahme | Findet man mit | Typischer Aufwand |
|---|---|---|
| Kontraste anheben | automatisiertem Test | 2 bis 4 Stunden bei vorhandenem Design-System |
| Alternativtexte ergänzen | automatisiertem Test | 1 bis 2 Minuten pro Bild |
| Formularfelder beschriften | automatisiertem Test | 10 Minuten pro Formular |
| Icon-Links benennen | automatisiertem Test | 1 bis 2 Stunden |
| Sichtbarer Tastaturfokus | Tastaturtest | 1 bis 3 Stunden |
| Logische Tab-Reihenfolge | Tastaturtest | je nach Layout, halber bis ganzer Tag |
| Überschriftenhierarchie ordnen | Tastaturtest, Screenreader | halber Tag |
| Bestellstrecke oder Buchung bedienbar machen | manuellem Test | 1 bis 5 Tage, der teure Posten |
| Individuelle Interaktionen, Karten, Slider | manuellem Test | offen, oft Neubau des Bausteins |
Der Test, der zählt: ohne Maus
Automatisierte Werkzeuge prüfen, was maschinell entscheidbar ist. Ob der Alternativtext das Bild beschreibt oder nur existiert, kann keine Software beurteilen. Ob die Tab-Reihenfolge dem Blickverlauf folgt, auch nicht. Deshalb dieser Ablauf:
- Maus weglegen. Nur Tabulator, Umschalt plus Tabulator, Eingabetaste, Leertaste, Pfeiltasten.
- Ist der Fokus immer sichtbar? Sie müssen jederzeit erkennen, wo Sie sind. Ein entfernter Fokusrahmen ist der häufigste absichtlich eingebaute Fehler, weil er Designern nicht gefällt.
- Kommen Sie überall hin? Menü aufklappen, Untermenü erreichen, Suchfeld benutzen, Cookie-Banner schließen, Formular abschicken.
- Kommen Sie wieder heraus? Aus Dialogen, Overlays, Video-Playern. Fokusfallen sind heimtückisch, weil sie am Mauszeiger nicht existieren.
- Deckt etwas den Fokus ab? Sticky-Header und Cookie-Leisten sind die üblichen Täter. Genau dafür gibt es in WCAG 2.2 zwei neue Kriterien.
- Dann mit Sprachausgabe. macOS hat VoiceOver eingebaut, Windows den Narrator, NVDA ist kostenlos. Zehn Minuten mit geschlossenen Augen sind lehrreicher als jeder Prüfbericht.
Der teuerste Fehler, den ich in dieser Kategorie gesehen habe, war ein Zahlungsauswahl-Element in einem Shop. Optisch drei saubere Radio-Buttons. Im Code drei div-Container mit Klick-Handler. Mit der Maus perfekt, mit der Tastatur unerreichbar. Der Shop hat monatelang nicht verstanden, warum ein kleiner Teil der Bestellungen im letzten Schritt abbrach.
Die Lehre daraus ist unspektakulär und gilt fast immer: Nehmen Sie die Standardelemente von HTML. Ein echter Button, ein echtes Auswahlfeld, ein echtes Formular. Die Browser haben Tastaturbedienung, Fokus und Rollen seit zwanzig Jahren eingebaut. Jedes Nachbauen mit div-Containern bedeutet, das alles selbst zu implementieren, und dann fehlt regelmäßig die Hälfte.
Was Overlays nicht können
Die Werbung ist verlockend: eine Zeile JavaScript, und die Seite ist barrierefrei. Was das Widget tatsächlich kann, ist Kontrast erhöhen, Schrift vergrößern, Animationen anhalten, manchmal einen eigenen Vorleser starten. Was es nicht kann: einem Bild einen sinnvollen Alternativtext geben, einem Feld eine Beschriftung, einem div-Button eine Tastaturbedienung oder einer Seite mit fünf h1-Elementen eine Struktur.
Die Anforderungen aus § 12 BFSGV richten sich an die Dienstleistung, also an die Website selbst. Ein Overlay ist eine Bedienhilfe darüber. Es kann für einen Teil Ihrer Besucher den Alltag erleichtern, und es ersetzt keine der Maßnahmen aus der Tabelle oben.
Was das mit Ihrer Sichtbarkeit macht
Ein Screenreader und ein Crawler lesen dieselbe Datei. Beide brauchen Struktur statt Optik. Überschriften in der richtigen Ordnung, sprechende Linktexte statt hier klicken, aussagekräftige Alternativtexte, semantische Elemente, eine Sprachangabe. Deshalb bekommen Seiten, die man barrierefrei aufräumt, in der Regel gleich ein besseres technisches Fundament für SEO und für die Zitierbarkeit in KI-Antworten, siehe AI SEO. Ranking-Versprechen sind das nicht, Aufräumen mit doppeltem Nutzen schon.
Nachrüsten oder neu bauen
Die ehrliche Antwort hängt an einer Frage: Wie viel Ihrer Seite haben Sie unter Kontrolle? Bei einer individuell gebauten Website ändern Sie Farben und Bausteine an einer Stelle. Bei einer über Jahre mit Seitenbaukasten und 30 Plugins gewachsenen Installation prüfen Sie 30 Fremdbausteine einzeln und können viele davon nicht reparieren, sondern nur austauschen.
Ab welchem Punkt sich das dreht, hängt am Alter und am Zustand. Grobe Faustregel aus meinen Projekten: Wer ohnehin über einen Relaunch nachdenkt, sollte Barrierefreiheit nicht vorher nachrüsten, sondern beim Neubau mitnehmen. Die Kostenlage steht in Webdesign Kosten, die Fallen beim Wechsel in der Relaunch-Checkliste. Und wenn Sie einen Baukasten nutzen, prüfen Sie zuerst, wie weit der Anbieter Sie überhaupt an das HTML heranlässt, siehe Baukasten oder eigene Website.
Der Einstieg, wenn Sie jetzt anfangen wollen
Machen Sie den Tastaturtest heute. Er kostet nichts, dauert zehn Minuten und liefert Ihnen die Liste, mit der jedes weitere Gespräch sinnvoll wird. Wenn Sie danach eine Einschätzung von außen wollen: Der Website-Audit ist kostenlos. Sie arbeiten direkt mit mir. Braucht ein Projekt zusätzliche Expertise, etwa bei Design, Text oder Fotografie, hole ich geprüfte Spezialisten dazu. Ansprechpartner und Verantwortlicher für das Ergebnis bleibe ich.
Dieser Artikel beschreibt technische Umsetzung, nicht Rechtslage im Einzelfall. Für die Frage, ob und in welchem Umfang Sie verpflichtet sind, hilft der BFSG-Artikel und im Zweifel ein Anwalt.
Häufige Fragen
Welche WCAG-Version und welche Stufe gilt für Websites in Deutschland?
Die BFSGV nennt keine WCAG-Version, sondern die vier Prinzipien wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust. Die Praxis richtet sich an WCAG in der Stufe AA aus, weil die harmonisierte europäische Norm EN 301 549 auf die WCAG verweist und AA die Stufe ist, die in Verwaltungsvorgaben und Prüfverfahren angesetzt wird. WCAG 2.2 ist die aktuelle W3C-Empfehlung in der Fassung vom 12. Dezember 2024 und enthält gegenüber 2.1 neun neue Erfolgskriterien.
Wie prüfe ich meine Website auf Barrierefreiheit?
In drei Stufen. Erstens automatisiert: kostenlose Prüfwerkzeuge finden Kontrastfehler, fehlende Alternativtexte und unbeschriftete Formularfelder zuverlässig. Zweitens mit der Tastatur: Tab-Taste durch alle wichtigen Wege, ohne Maus. Drittens manuell mit Screenreader und Vergrößerung. Automatisierte Tests finden nach Erfahrungswerten nur einen Teil der Probleme, aber sie finden den billig behebbaren Teil.
Was kostet es, eine Website barrierefrei zu machen?
Bei einer sauber gebauten Website mit klarem HTML sind Kontraste, Alternativtexte, Formularbeschriftungen und Fokus-Sichtbarkeit meist ein bis drei Tage Arbeit. Bei einer über Jahre gewachsenen Seite mit Seitenbaukasten, vielen Plugins und individuellen Interaktionen wird es ein Projekt, weil jeder Baustein einzeln geprüft werden muss. Wenn die Seite ohnehin älter als fünf Jahre ist, ist ein Neubau häufig günstiger als das Nachrüsten.
Helfen Accessibility-Overlays oder Widgets?
Für die Erfüllung der Anforderungen nicht. Ein Overlay legt eine Bedienleiste über die Seite und kann Kontraste oder Schriftgrößen anpassen. Es ändert nichts an fehlenden Alternativtexten, unbeschrifteten Feldern, fehlender Tastaturbedienbarkeit oder einer kaputten Überschriftenstruktur. Die Anforderungen richten sich an die Seite selbst.
Was ist der schnellste Test, den ich selbst machen kann?
Ziehen Sie die Maus ab und bedienen Sie Ihre wichtigsten Wege nur mit Tabulator und Eingabetaste: Startseite, Navigation, Kontaktformular, Bestellung oder Buchung. Sie sehen sofort, ob der Fokus sichtbar ist, ob die Reihenfolge logisch läuft und ob Sie irgendwo hängenbleiben. Der Test kostet zehn Minuten und findet die schwersten Fehler.
Verbessert Barrierefreiheit das Google-Ranking?
Nicht direkt, Barrierefreiheit ist kein bestätigter Rankingfaktor. Die Maßnahmen überschneiden sich aber stark mit technisch gutem HTML: Überschriftenhierarchie, aussagekräftige Alternativtexte, sprechende Linktexte, semantische Elemente und eine Sprachangabe im Dokument. Das hilft Crawlern und KI-Systemen beim Verstehen der Seite.
Quellen
- W3C, Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.2, W3C Recommendation in der Fassung vom 12. Dezember 2024: neun neue Erfolgskriterien gegenüber 2.1, Entfall von 4.1.1 Parsing, Konformitätsstufen A, AA, AAA. w3.org
- Barrierefreiheitsstärkungsgesetz-Verordnung (BFSGV), § 12: Anforderungen an Dienstleistungen einschließlich Webseiten, Online-Anwendungen und mobiler Apps, Prinzipien wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robust. gesetze-im-internet.de
- BFSGV § 19: zusätzliche Anforderungen für Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr, unter anderem barrierefreie Identifizierung, Authentifizierung und Zahlung. gesetze-im-internet.de
- WebAIM Million, Bericht Februar 2026: 95,9 Prozent der Startseiten mit feststellbaren WCAG-2-Fehlern, 56,1 Fehler je Seite, Verteilung der sechs häufigsten Fehlerarten. webaim.org
- Bundesfachstelle Barrierefreiheit, FAQ zum BFSG, kostenlose Beratung für Kleinstunternehmen. bundesfachstelle-barrierefreiheit.de
