Ein Website-Relaunch ist kein Redesign-Projekt. Es ist ein technisches Migrationsprojekt mit Designkomponente. Wer das verwechselt, verliert Rankings, Traffic und im schlimmsten Fall Umsatz. Diese Checkliste deckt die kritischen Schritte ab — chronologisch, ohne Ausschmueckungen.

Phase 1: Vor dem Relaunch

Analytics auswerten, bevor irgendetwas angefasst wird

Der haeufigste Fehler: Man startet mit dem Design, ohne vorher in die Daten zu schauen. Oeffnen Sie Google Analytics und Search Console. Identifizieren Sie die Seiten, die den meisten organischen Traffic bringen. Schauen Sie sich an, welche Seiten konvertieren. Diese Seiten sind heilig — sie duerfen nicht einfach geloescht oder umstrukturiert werden, ohne dass ein klarer Plan existiert.

Exportieren Sie aus der Search Console die Liste aller indexierten URLs mit Klicks, Impressionen und durchschnittlicher Position. Das ist Ihre Baseline. Ohne diese Daten koennen Sie nach dem Relaunch nicht beurteilen, ob etwas schiefgelaufen ist.

SEO-Audit: Bewahren, was funktioniert

Ein gruendliches SEO-Audit ist Pflicht. Crawlen Sie die bestehende Website vollstaendig — mit Screaming Frog, Sitebulb oder einem vergleichbaren Tool. Dokumentieren Sie saemtliche URLs, Title-Tags, Meta-Descriptions, H1-Strukturen, interne Links und Canonical-Tags. Sichern Sie auch die XML-Sitemap und die robots.txt.

  • Alle URLs der aktuellen Website erfassen (inkl. Parameter-URLs und Paginierung)
  • Backlink-Profil exportieren — welche externen Links zeigen auf welche Seiten?
  • Top-rankende Keywords pro Seite dokumentieren
  • Bestehende strukturierte Daten (Schema.org) sichern
  • Core Web Vitals als Benchmark festhalten

301-Redirects planen — der kritischste Schritt

Ich habe Relaunches gesehen, bei denen 60% des organischen Traffics uber Nacht verschwand — weil niemand an 301-Redirects gedacht hat. URLs andern ist wie umziehen ohne Nachsendeauftrag.

Jede alte URL, die sich aendert, braucht einen permanenten 301-Redirect auf die neue Entsprechung. Nicht auf die Startseite. Nicht auf eine Kategorieseite. Auf die inhaltlich passende neue Seite. Alles andere wertet Google als Soft-404, und Ihre Rankings verschwinden.

Erstellen Sie eine vollstaendige Redirect-Map als Tabelle: alte URL in Spalte A, neue URL in Spalte B. Pruefen Sie jede Zeile manuell. Automatisierte Mappings auf Basis von URL-Aehnlichkeiten sind fehleranfaellig. Ahrefs erklaert ausfuehrlich, wie Redirect-Mapping korrekt umgesetzt wird.

  • Keine Redirect-Ketten: A leitet auf B, B leitet auf C — das kostet Crawl-Budget und verduennt Link-Equity
  • Keine 302-Redirects verwenden — nur 301 (permanent)
  • Redirects serverseitig implementieren (htaccess, nginx.conf, Edge-Functions), nicht per JavaScript
  • Nach der Implementierung jeden einzelnen Redirect testen — manuell oder per Skript
  • Alte Sitemap nach dem Launch einreichen, damit Google die Redirects schneller entdeckt

Google beschreibt den Prozess fuer Website-Umzuege mit URL-Aenderungen in der offiziellen Dokumentation. Lesen Sie das vor dem Relaunch, nicht danach.

Phase 2: Waehrend des Relaunchs

Content-Migration

Inhalte werden nicht einfach kopiert. Sie werden geprueft, aktualisiert und bewusst uebernommen oder gestrichen. Jede Seite, die organischen Traffic bringt, muss inhaltlich mindestens gleichwertig sein. Kuerzen Sie nicht an Stellen, die fuer Rankings relevant sind.

Pruefen Sie bei der Migration, ob interne Links noch funktionieren. Neue URL-Strukturen bedeuten neue interne Verlinkung. Broken Links nach dem Relaunch sind ein Zeichen mangelhafter Planung.

Tracking und Analytics einrichten

Stellen Sie sicher, dass Google Analytics, Search Console, Tag Manager und alle Conversion-Trackings auf der neuen Seite korrekt implementiert sind — bevor der Launch stattfindet. Testen Sie jedes Event, jedes Ziel, jeden E-Commerce-Tracker in der Staging-Umgebung.

  • Google Analytics 4 Property verifizieren
  • Search Console fuer neue URL-Struktur einrichten (falls Domain oder Pfade sich aendern)
  • Alle Conversion-Events pruefen: Formulare, Klicks, Downloads
  • Consent-Management (Cookie-Banner) testen — blockierte Skripte fuehren zu Datenverlust

Performance und Mobile testen

Messen Sie die Core Web Vitals auf der Staging-Umgebung. Vergleichen Sie LCP, FID (bzw. INP) und CLS mit den Werten der alten Seite. Ein Relaunch, der die Ladezeit verschlechtert, ist ein Rueckschritt — egal wie gut das Design aussieht. Warum Performance so entscheidend ist, zeigen wir im Detail in unserem Artikel Warum langsame Websites Kunden kosten.

Testen Sie auf echten Geraeten, nicht nur im Chrome DevTools Device Mode. Nutzen Sie PageSpeed Insights und WebPageTest fuer realistische Messungen unter verschiedenen Netzwerkbedingungen.

Strukturierte Daten

Wenn die alte Website Schema.org-Markup hatte, muss die neue Seite mindestens den gleichen Umfang abdecken. Pruefen Sie mit dem Google Rich Results Test, ob die strukturierten Daten fehlerfrei sind. Fehlende strukturierte Daten bedeuten verlorene Rich Snippets in den Suchergebnissen.

Phase 3: Launch-Tag

  • Redirects live schalten und testen (komplette Redirect-Map durchgehen)
  • Neue XML-Sitemap in der Search Console einreichen
  • Alte XML-Sitemap ebenfalls einreichen — Google folgt den URLs und findet die Redirects
  • robots.txt pruefen: Wird nichts versehentlich blockiert?
  • noindex-Tags pruefen: Sind Staging-Tags entfernt worden?
  • Canonical-Tags auf allen Seiten pruefen
  • SSL-Zertifikat und HTTPS-Weiterleitung testen
  • 404-Fehlerseite vorhanden und sinnvoll gestaltet?
  • Alle Formulare und interaktiven Elemente testen
Ein haeufiger Launch-Fehler: Die Staging-Umgebung hatte eine globale noindex-Anweisung, die beim Deployment auf die Live-Seite uebernommen wurde. Ergebnis: Google deindexiert die gesamte Website innerhalb weniger Tage. Pruefen Sie das doppelt.

Phase 4: Nach dem Relaunch

Die ersten 48 Stunden

Ueberwachen Sie die Search Console stuendlich in den ersten zwei Tagen. Achten Sie auf Crawl-Fehler, 404-Seiten und Indexierungsprobleme. Pruefen Sie die Server-Logs auf Googlebot-Anfragen — crawlt Google die neuen URLs? Werden Redirects korrekt aufgeloest?

Die ersten vier Wochen

Vergleichen Sie woechentlich den organischen Traffic mit der Baseline. Leichte Schwankungen sind normal — Google braucht Zeit, um die neue Struktur zu verarbeiten. Ein Traffic-Einbruch von mehr als 20%, der laenger als zwei Wochen anhaelt, deutet auf ein Problem hin. Typische Ursachen: fehlende Redirects, veraenderte Inhalte auf Top-Seiten oder technische Crawling-Hindernisse.

  • Search Console woechentlich auf neue 404-Fehler pruefen
  • Keyword-Rankings der Top-20-Seiten ueberwachen
  • Backlinks pruefen: Kommen die Verweise ueber Redirects korrekt an?
  • Core Web Vitals im Feld-Daten-Report vergleichen (CrUX)
  • Conversion-Raten vor und nach Relaunch gegenueberstellen

Langfristig

Lassen Sie die 301-Redirects mindestens ein Jahr aktiv. Entfernen Sie sie nicht voreilig. Externe Websites und Bookmarks verweisen moeglicherweise noch jahrelang auf die alten URLs. Ein Redirect kostet nichts — ein verlorener Backlink schon.

Ein Relaunch ist planbar. Die meisten Schaeden entstehen nicht durch unvorhersehbare Probleme, sondern durch uebersprungene Schritte. Arbeiten Sie diese Liste ab, bevor Sie live gehen.